Französische Philosophie


Französische Philosophie

Französische Philosophie, genauer die Franzosen, welche sich im Gebiete der Philosophie auszeichneten, zählen epochemachende Namen. Die Armuth an speculativen Köpfen wird unter ihnen durch einen großen Reichthum an Popularphilosophen aufgewogen, die ihren Landsleuten fremde Systeme mundgerecht machten oder noch lieber die Folgerungen für andere. Wissenschaften sowie für das practische Leben daraus zogen. Anselm Scholasticus gab in Paris der zerfallenden Hofakademie Karls d. Gr. seit 1076 mit den Deutschen Williram u. Mangold neuen Glanz u. legte damit neuen Grund für die Pariseruniversität, an welcher Theologie u. Philosophie lange ausschließlich gelehrt wurden, wie in Bologna das Recht u. die Heilkunde. Roscelin (Rousselin) gilt als Urheber der Nominalisten, Wilhelm de Champeaux u. dessen Schüler Abailard (1097–1142), der dialectische Hercules, gaben dem Streite Leben. Unter ihren Zeitgenossen u. Nachfolgern glänzten in Paris neben dem deutschen Hugo von Sankt Victor (gest. 1140) Gilbert de la Porrée (Porretanus), gest. 1154, Wilhelm de Conches, gest. 1150 und Hugo von Rouen, gest. 1164, die insgesammt mit den Arabern u. der aristotelischen Metaphysik noch wenig oder gar nicht bekannt waren. Doch fand Hildebert von Lavardin, gest. 1133, bereits nothwendig, die Rechtgläubigkeit gegen die beginnenden Einwürfe der Scholastik zu vertheidigen u. gab gleichzeitig der theol. Wissenschaft die Form, welche Peter der Lombarde annahm u. für Jahrhunderte feststellte. Gegen das Ende des 12. Jahrh. erregten Amalrich von Bena, sein Schüler David von Dinanto u.a. die Besorgniß der Kirche, Wilhelm der Auvergnate aber, gest. 1249, erhob sich gegen eine unbedingte Nothwendigkeit der Weltereignisse und brachte bündigere Beweise für die Unsterblichkeit der Seele. Unter den frz. Scholastikern focht Vincent von Beauvais, gest. 1164, als Realist für das Sein der Gemeinbegriffe (universalia) in den Dingen, Herväus Natalis, gest. 1323 als hochberühmter General des Predigerordens, zeichnete sich in allen Theilen der Theologie und Philosophie als Platoniker aus, Franz de Mayrom erwarb als Aristoteliker den Beinamen des magister abstractionum, führte 1315 die Sorbonneʼschen Disputationen ein u. st. 1325. Durand de S. Porciano, gest. 1332, schloß die Reihe der Berühmtheiten, denn selbst der »Adler Frankreichs«, Peter dʼAilly (1360 bis 1419 oder 1425), entschied nichts im Streite der alten Parteien. Im 16. Jahrh. erschütterte Peter Ramus (1515 bis 72) das Ansehen des Aristoteles, die Herrschaft der franz. Sprache dehnte sich auch auf das Gebiet der Philosophie aus, der skeptische de Montaigne (1533 bis 92) warf mit dem Que sais-je? seiner »Essais« (Bordeaux 1580) der bisherigen Philosophie den Fehdehandschuh zu und fand an P. Charron (1541 bis 1603) den glücklichsten Nachfolger. Während Libertus Fromont (1587 bis 1654) noch die unendliche Theilbarkeit der Materie u. die Unbeweglichkeit der Erde vertheidigte, trat der größte, im Grunde der einzige Philosoph der Franzosen auf, Descartes (1596–1650), zugleich der Anfänger und Vater der modernen Philosophie. In seinen Fußtapfen wurde am berühmtesten neben A. Geulinx aus Antwerpen der Oratianer N. Malebranche (1638–1715), welcher den Zwiespalt der cartesianischen Philosophie überwinden u. alle Dinge in Gott sehen u. erkennen wollte. Gaßendi, der Freund Epikurs u. Gegner des Cartesius (1592–1655), versuchte gleich Hobbes die Schöpfung eines Naturmechanismus, wollte aber mit demselben Gott und die Vorsehung vereinbaren; de la Forge kam durch seinen Freund Descartes zum System der gelegentlichen Ursachen, der skeptische Bayle (1647 bis 1706) aber kam durch alle Zweifelsucht nicht zur Anerkennung der Schranken der menschl. Erkenntniß, sondern warf mit seinem Dictionnaire einen Zankapfel unter die Philosophen und Theologen, womit sie heute noch nicht fertig geworden sind. Die Franzosen waren es, welche im »philosophischen« 18. Jahrh. den Sensualismus Lockeʼs zur äußersten Spitze seiner Folgerungen, zum Materialismus u. Atheismus, fortführten, während Voltaire (1694 bis 1778) und die Encyclopädisten, hinter der schauerlichen Theorie mehr od. minder zurückbleibend od. sie mit deistischen Redensarten verhüllend, die faule Wirklichkeit »philosophisch« zu gestalten strebten. Condillac (1715–80) fand den Menschen in seinem Denken u. Wollen lediglich durch sinnliche Empfindungen bestimmt. Diderot (1713–84) hatte philosophisches Talent, blieb sich aber nur im Hasse gegen das Bestehende u. die Kirche gleich, La Mettrie schon (1709–51) sprach das letzte Wort des Materialismus aus: alles Geistige ist Wahn, Sinnengenuß das höchste Ziel des Menschen, der Mensch ein Thier mit ausgezeichnet organisirtem Gehirn, und das Système de la nature (1770) suchte solchen Ansichten einen Anstrich von Wissenschaftlichkeit zu verleihen. Buffon (1707–88) und sein Nachfolger Mercier dü Paty lehrten eine philosoph. Naturanschauung, des Montesquieu (1689–1755) Spötteleien über die Kirche (lettres persanes) und Untersuchungen über die Regierungsformen (lʼesprit des lois) schritten durch eine Unzahl Schriftsteller zum entschiedensten Unglauben und durch J. J. Rousseau (1712–78) zu jener Theorie von Jugenderziehung und vom Staatsvertrage fort, deren practische Folgerungen die Revolution und der Wirrwarr der Staatstheorien bis auf die neueste Zeit offenbarten. Seit Napoleon I. brachte Destuit de Tracy (1754–1836) seine »Ideologie«, erläuterte den Montesquieu und versuchte den Kantianismus verständlich zu machen, die vielen Auflagen von Volneys »Ruinen« bezeugten die Fortdauer der alten Kirchenfeindlichkeit. Allmälig suchten viele eine Stütze ihrer Ansichten in der deutschen Philosophie, auch Galls Schädellehre setzte die Geister in Bewegung, aber die Richtung auf das praktische Leben blieb die vorherrschende, daher die Hinneigung zu den schottischen Moralphilosophen in den franz. Schulen, während Chateaubriand (Génie du Christianisme), Frayßinous, de Maistre, Bonald u.a. die positive Religion mit Vernunft u. Staatstheorien zu vereinbaren suchten, aber allzu einseitig dem Absolutismus huldigten. Der Eclecticismus wollte eine von vornherein unfruchtbare Vermittlung zwischen den Nachklängen der Philosophie des 18. Jahrh., der deutschen und schottischen Philosophie u. der neuen kath. Richtung: Royer Collard, Jouffrey, vor allem Cousin. Letzterer ist mit Michelet, Lerminier, Quinet u.a. durch seine Bemühungen, die deutsche Philosophie populär zu machen, durch den Streit wegen der Unterrichtsfreiheit u. durch hegelisirende Richtung bei uns bekannt geworden. Seit 1830 ging die s. Ph. immer mehr im Kampfe mit der Kirche u. mit dem Bestehenden auf, die Socialisten gewannen Terrain und der Einfluß socialistischer Theorien (St. Simon, Fourier u.a.) zeigte sich besonders an Lammenais (st. 1854), dem »gefallenen Engel«; gegenwärtig machen die Schriften des A. Nicolas (»Philosoph. Studien über das Christenthum«, übersetzt von Sylvester Hester, Paderborn 1852 bis 54; 4 Bde.; »Ueber das Verhältniß des Protestantismus u. sämmtlicher Häresien zu dem Socialismus«, übersetzt von Dr. Herm. Müller, Mainz 1853) bedeutungsvolles Glück. Vergl. Damironʼs »Essai sur lʼhistoire de la phil. en France au 19me siècle«, 2. Aufl. Paris 1828.


http://www.zeno.org/Herder-1854.

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