St. Simonismus

St. Simonismus

St. Simonismus, das auf Grundlage der Träumereien des Grafen Saint- Simon weitergebildete socialistische System, das seit 1830 durch Zeitungen u. Vorlesungen in Paris sowie durch Proselytenmacherei in Belgien und anderorts Lärm machte. Dasselbe läuft auf eine Verzerrung der christlichen Idee vom Reiche Gottes auf Erden zu einem pantheistischen Fabrikstaat hinaus u. ist nach Art solcher Systeme in seinen Verneinungen keineswegs uninteressant, in seinem positiven Theil aber vorherrschend lächerlich. Das Verdienst an die Stelle der Geburt zu setzen, Brüderschaft aller Völker durch gegenseitigen Vortheil zu begründen, die Massenarmuth u. Concurrenz im Gebiete der Industrie unmöglich zu machen – hieß das anlockende Ziel, welches die Saint-Simonisten erreichen wollten, weil die katholische Kirche diese ihre Hauptaufgabe niemals begriffen habe. Um das 5. Weltalter, das der unendlichen Vollkommenheit zu begründen, erschien von Gott gesandt Graf Saint-Simon, der als erstes Weltgesetz proclamirte: allen ohne Ausnahme Erziehung, Beschäftigung u. Lohn, aber jedem nur nach seiner Fähigkeit u. seinen Leistungen! Der Erdball soll dereinst nur noch von Priestern mit einem »obersten Vater« an der Spitze, von Künstlern u. Industriellen bevölkert sein, die Priester sollen aus den Fähigsten u. Würdigsten erwählt und ihnen die Leitung des Ganzen sowie die unendliche Vervollkommnung des Einzelnen übertragen werden; der Einzelne aber wird sein Leben lang erzogen und beaufsichtiget; den Männern sind die Weiber rechtlich vollkommen gleichgestellt, niemand jedoch besitzt rechtlich den dauernden Genuß einer Sache, geschweige Privateigenthum oder Erbrecht. Die Predigt der saint-simonistischen Religion besteht vor allem im Unterricht im S. S., die Beichte in der Belehrung und Ermahnung des Einzelnen, die Communion in der Gemeinsamkeit des durch Musik u. andere Künste verherrlichten Gottesdienstes. Der S. S. gedieh 1830 zu einer Gesellschaft, deren hervorragendste Mitglieder Bazard, Enfantin, Lechevalier, Duveprier, Rodriguez u. Barrault waren. Die erhitzte Einbildungskraft mehr als eines derselben sah mit der Vervollkommnung des Menschengeschlechtes den Erdball selber zum Paradiese werden. Allein schon im Spätherbst 1831 kam Zwietracht u. Trennung unter die Saint-Simonisten, indem Enfantin der Emancipation des Fleisches stark das Wort redete und seine Herrschsucht viele gegen ihn aufbrachte. Weil die Saint-Simonisten zudem unter den »ouvriers« bedenklichen Anhang fanden, wurde der Partei des Enfantin der Proceß gemacht und in Folge davon im Sommer 1832 die Gesellschaft aufgelöst, was die Partei Bazards vorher freiwillig gethan hatte. Die Häupter des S. S. zogen in alle Welt, namentlich nach Aegypten und verschollen; ihr Anhang verschwand unter den übrigen Socialisten.


http://www.zeno.org/Herder-1854.

См. также в других словарях:

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  • Saint-Simonismus — Henri de Saint Simon Henri de Saint Simon (eigentlich Claude Henri de Rouvroy, Comte de [Graf von] Saint Simon; * 17. Oktober 1760 in Paris; † 19. Mai 1825 in Paris) war ein bedeutender französischer soziologischer und philosophischer Autor zur… …   Deutsch Wikipedia

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  • Saint-Simonismus — Saint Simonismus, s. Saint Simon 2) und Sozialismus …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

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  • Saint-Simonismus — Saint Si|mo|nịs|mus 〈[ sɛ̃ ] m.; ; unz.〉 relig. Sozialismus in Frankreich im 19. Jh. [nach dem Begründer, Claude Henri Graf von Saint Simon, 1760 1825] * * * Saint Simonịsmus   [sɛ̃ ] der, , französische Sozialistenschule in der Nachfolge C. H …   Universal-Lexikon

  • Saint-Simonismus — Saint Si|mo|nịs|mus 〈 [sɛ̃: ] m.; Gen.: ; Pl.: unz.〉 relig. Sozialismus in Frankreich im 19. Jh. [Etym.: nach dem Begründer, Claude Henri Graf von Saint Simon, 1760 1825] …   Lexikalische Deutsches Wörterbuch

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