Deutschland


Deutschland

Deutschland (d.h. der deutsche Bund) ist das Centralland Europas, weniger massenhaft als das europ. Tiefland zwischen den Karpathen, dem Kaukasus und Ural, nicht so gegliedert wie das südl. und westl. Europa, die Scheidewand zwischen Romanen und Slaven, der Schauplatz, auf dem die Geschicke Europas entschieden werden. Es gränzt an die Niederlande, Belgien, Frankreich, Schweiz, Italien, Kroatien, Ungarn, Galizien, Russisch Polen, Posen, Westpreußen und Dänemark und ist 11510 QM. groß. Der östlichste Punkt liegt in Oberschlesien an der Czarna Premza unter 36°55' östl. Länge, der westlichste zwischen Roer und Maas, Kreis Heinsberg im preuß. Reg.-Bez. Aachen unter 23°15' östl. Länge; der nördlichste Punkt ist die Mündung der Piasnitz an der pommerisch-westpreuß. Gränze unter 54°50' nördl. Breite; der südlichste Cap Promontore auf der istrischen Halbinsel 44°30'; Deutschland liegt demnach vollständig innerhalb der nördl. gemäßigten Zone. Sofern nur Meere und Gebirge als natürliche Gränzen angesehen werden können, hat Deutschland nur wenige und vielfach durchbrochene natürliche Gränzen, nämlich: die Ostsee, die Nordsee, im Osten die kleinen Karpathen, im Süden die Alpen und den nördl. Busen des adriatischen Meeres; gegen Frankreich und Rußland, also die beiden mächtigsten Continentalstaaten, liegt die deutsche Gränze ganz offen u. kann nur durch Gränzfestungen gedeckt werden. – Die Bodenbildung D.s ist eine außerordentlich mannigfaltige, wie sie kein anderes Land in Europa aufweist u. zur Entwicklung eines allseitigen kräftigen Völkerlebens vorzüglich geeignet. Es lassen sich 3 Hauptmassen in der Bodengestaltung D.s unterscheiden: 1. das Alpenland, 2. das Mittelgebirge, 3. die norddeutsche Tiefebene. Die deutschen Alpen erreichen im Orteler (12020') und Großglockner (12213') ihre größte Höhe (vergl. Alpen); sie ergießen die Hauptmasse ihrer Traufe in nordwärts od. ostwärts gerichteten Thälern in die Donau, weil sie in dieser Richtung mehr gegliedert sind als in der südl. Von dem Bodensee bis zum Inn liegt den Alpen eine Hochfläche vor, die oberschwäbische, die an einigen Punkten den Charakter einer Gebirgslandschaft annimmt und die einförmigere bayer.; östl. vom Inn stufen sich die Alpen in Vorbergen zu der Donau ab. Das deutsche Mittelgebirge ist ein Theil des europ. Mittelgebirges; jenseits des Rheins, zum sog. gallofränk. Systeme gehören: Haardt, Hochwald und Idarwald, Hundsrück, Märkerwald, Soonwald, als Ausläufer der Vogesen, Eifel und Hohe Veen als Ausläufer der Ardennen. Das hercynische System hat im Fichtelgebirge einen Gebirgsknoten, von welchem Gebirgszüge nach allen 4 Weltgegenden ausgehen: südwestl. der fränk. u. schwäb. Jura, die Frankenhöhe, Schwarzwald, Odenwald. Nordwestl.: der Frankenwald, Thüringerwald, Hohe Rhön, Vogelberg, Speßart, Taunus, Westerwald; zwischen Sieg, Rhein und Weser lagert sich in verschiedenen Gruppen das niedere westfälische Gebirge (Sauerland, Rodhaargebirge, Arnsbergerwald, Haarstrang, Eggegebirge, Teutoburgerwald oder Osning); nördl. vom Thüringerwald an der Saale, Unstrut und obern Werra liegen die Finne, Hainleite, Hainich; jenseits der Wipper erhebt sich das isolirte Massengebirge des Harz. Nordöstl. vom Fichtelgebirge zieht: Egergebirge, Erzgebirge (mit dem böhm. Mittelgebirge und dem Sandsteingebirge der sächs. Schweiz), die Sudeten (als Lausitzergebirge, Riesengebirge, eigentliche Sudeten), die durch den Altvater mit den Karpathen zusammenhängen; von diesen zweigt sich das Gebirge von Jablunka und das der kleinen Karpathen bis an die Donau bei Preßburg ab. Der 4. vom Fichtelgebirge ausgehende Zug begreift den Böhmerwald und das böhm. mährische Scheidegebirge, das in seinem nordöstl. Ende mit dem Glatzer Gebirge (Sudeten) zusammenhängt. (Die genauere Charakteristik der einzelnen Bodenformationen findet sich bei den einzelnen Ländern und Gebirgen, Baden, Bayern, Böhmen, Breisgau, Alpen, Böhmerwald etc.). Die norddeutsche Tiefebene erstreckt sich immer breiter werdend von der Ems bis über die Oder, wo sie in die sarmatische übergeht; die Wasserscheiden bezeichnen nur unmerkliche Bodenwellen; Moore, Teiche und Seen nehmen einen beträchtlichen Raum ein. Das deutsche Flußsystem ist ein sehr entwickeltes und gehört dem Gebiete des adriat., schwarzen, balthischen und deutschen Meeres an. In das adriat. Meer fließen die Etsch und der Isonzo, sind aber für den Handel von untergeordneter Bedeutung, so daß eine Wasserverbindung des deutschen Binnenlandes mit dem Mittelmeere fehlt. Um so großartiger ist die Wasserstraße, welche die Donau in das schwarze Meer und dadurch bis nach Persien darbietet. Die Donau ist der eigentliche europ. Fluß, indem er aus dem Herzen des Erdtheils in ein Binnenmeer führt, dessen Gestade größtentheils Asien angehören. Der Rhein bildet die Wasserstraße von dem südwestl. Deutschland in das deutsche Meer (die Nordsee); die 51 M. lange Ems führt aus dem Innern Westfalens in den Dollart, die Weser verbindet Hessen, einen Theil Thüringens, Westfalens und des alten Niedersachsens mit dem deutschen Meere; die Elbe endlich, welche durch Moldau, Iser und Eger das Gewässer des böhm. Beckens sammelt, ist für das südöstl. D. zu demselben Dienste bereit wie der Rhein für das südwestl. Die Oder, der Fluß des nordöstl. D.s, ist der einzige bedeutende Zufluß, den die Ostsee (balthisches Meer) aus D. erhält. Die angeführten deutschen Hauptflüsse (vergl. die einzelnen Namen) haben eine ziemlich beträchtliche Anzahl schiffbarer Nebenflüsse, so daß sich ein Netz von Wasserwegen bilden würde, wenn in D. für dieses Communicationsmittel auch nur 1/10 von dem geschehen wäre, was z.B. England, Niederlande u. Frankreich gethan haben; allein dies war bei der Theilung D.s unter seine vielen Potentaten, von denen jeder den Verkehr hindern oder bis zur Unmöglichkeit belasten konnte, nicht möglich, daher hat D. nicht nur weniger Kanäle als die genannten 3 Länder, sondern selbst als Rußland und das junge Nordamerika; bedeutendere Kanäle sind der Bromberger Kanal, Weichsel und Oder, der Friedrich Wilhelms K. und der große K., Oder und Elbe, der Eider K., Ost- und Nordsee, der Münster K., Ems und Vecht, endlich der großartigste von allen, der Ludwigs K., Donau und Main verbindend. Dieser Mangel an Kanälen ist in neuester Zeit durch ein Netz von Eisenbahnen größtentheils gehoben worden. Von dem Seenkranze, der den Nordrand der Alpen ziert, gehört die schöne Reihe vom Bodensee bis zum Traunsee D. an, ferner innerhalb des Gebirges die Seen des obern Drauthals und der merkwürdige Czirknitzer See; das Mittelgebirge weist nur kleine Seen auf, z.B. der Schwarzwald den Schluch-, Titi-, Mummelsee, auf der Eifel den Laacher See, in Thüringen den Salzigen u. Süßen See, die vielen Gruppen der kleinen böhm. Seen; im norddeutschen Flachlande breitet sich eine Unzahl von großen und kleinen Seen zwischen Weichsel, Oder u. Elbe aus; sie werden seltener zwischen Elbe und Weser u. verschwinden fast zwischen Weser und Ems, wo Moore und Haiden ihren Platz einnehmen. – In Bezug auf Klima wirken geographische Lage (mehr nördl. oder südl., mehr östl. oder westl.), örtliche Beschaffenheit, Bodenerhebung, größere oder geringere Entfernung vom Meere in der Weise zusammen, daß sich eine merkwürdige Gleichförmigkeit der Jahrestemperatur für alle Gegenden D.s herausstellt. Der wärmste Strich ist Südtyrol, dann das Rheinthal; ihm zunächst folgen die mitteldeutschen Thäler; die bedeutendere Erhebung des südl. D.s gleicht in der Regel die sonst gegen Süden zunehmende Wärme wieder aus. Auch von Westen nach Osten findet Wärmeabnahme statt, so daß während der Rhein durchschnittlich im Jahre 26 Tage mit Eis bedeckt ist, dies bei der Weser 30, bei der Elbe 60, bei der Oder 70 Tage der Fall sein soll; hier wirkt offenbar der über das norddeutsche Tiefland unbeschränkt hinstreichende Nord- u. Nordostwind ein. Mitteldeutschland hat am wenigsten Regen, das Alpengebiet am meisten. Die mittlere Jahrestemperatur wird für ganz Deutschland auf 8,6° für Frankreich auf 121/3°, für Italien auf 143/8° berechnet. Der mineralische Reichthum D.s ist bedeutend, in manchen Gegenden aber noch nicht gehörig benutzt, obgleich der deutsche Bergbau als der ausgebildetste anerkannt wird. Der Gewinn an Gold ist unbeträchtlich in Tyrol, Salzburg und im Harze, an Waschgold in Baden aus dem Rheine; Silber liefern in beträchtlicher Menge das Harz-, Erzgebirge, steyersche Alpen, einiges Schwarzwald, Vogesen etc.; Quecksilber das illyr. Alpengebirge bei Idria, die Vogesen; Kupfer die Alpen in Tyrol und Steyermark, der Harz; Eisen wird in allen Gebirgen gefunden, am besten in den steyerschen Alpen; Zinn im Erzgebirge; Blei in den Alpen, im Harz, Riesengebirge, Schwarzwald; Zink und Galmei im Riesengebirge, Schwarzwald; Kobalt im Schwarzwald und Erzgebirge, Nickel in den österr. Alpen. Steinkohlenlager haben Rheinpreußen, Westfalen, Rheinbayern, Sachsen, Schlesien, Böhmen, Steyermark; Torf findet sich fast überall, besonders im westl. Theil der norddeutschen Tiefebene. Salz hat D. im Ueberflusse, von den größeren Staaten nur Sachsen keines. Mühlsteine, Kalk, Gyps, Kreide, Porzellanerde, Marmor, Alabaster, Vitriol, Farbenerden etc. werden an verschiedenen Orten und im Ganzen zureichend gefunden; Edelsteine hat vorzugsweise nur Böhmen, z.B. Granaten, Achate, Amethyste, Topase, Opale. An Mineralquellen ist D. außerordentlich reich; Aachen, Baden-Baden, Teplitz, Gastein, Ischl etc. haben europäische Namen. Klima und Bodengestaltung D.s lassen die Producte der gemäßigten Zone ausgezeichnet gedeihen. Im südl. Tyrol reisen bereits Feigen und Mandeln, besonders aber das feinste Obst; der Weinbau begleitet den Rhein vom graubündnischen Malans bis Schaffhausen, aber nur, wo die örtliche Lage sehr günstig ist; dann von dem alten Markgrafen-Lande (das südl. Baden) in seinem ganzen Ober- und Mittellaufe, dringt in die Thäler der Mosel, des Mains, des Neckars und deren warme Nebenthäler; sehr viel und guter Wein wird an den Bergstufen der unteren Donau gewonnen. Der Ackerbau befaßt sich mit den eigentlichen Getreidearten, Kartoffeln, Oelpflanzen, Tabak, in einigen Gegenden mit Cichorien, Kümmel, Anis etc.; trefflichen Hopfen liefert Mitteldeutschland, besonders Böhmen und Bayern; von Farbepflanzen trifft man Krapp, Waid, Wau etc., aber nicht zureichend für das Bedürfniß; der Gartenbau wird in den milderen Gegenden mit Vorliebe betrieben, Unterösterreich pflanzt auch Safran. Der Obstbau erstreckt sich über ganz Deutschland, wo es nur Klima und Boden erlauben; das feinste Tafelobst liefert Südtyrol. Die ehemaligen großen Waldungen sind theilweise sehr gelichtet, sogar zerstört; doch bedecken sie noch beinahe 1/4 der Oberfläche und werden in neuester Zeit mehr geschätzt und gepflegt als ehemals; D. gibt immer noch an das Ausland eine beträchtliche Menge Werkholz ab. Die Zucht der Hausthiere ist ein Hauptnahrungszweig; die Rindviehzucht ist in den Alpen und an der fries. Küste für sich bestehend, in den andern Gegenden mit dem Ackerbau verbunden; das nordwestliche D. gibt Vieh, Fleisch und Butter an England ab, das südwestl. an Frankreich, Schweiz und Italien. Das Pferd ist in Mecklenburg, Holstein, dem nördl. Hannover durch Schönheit und Kraft ausgezeichnet, das salzburg. und österreich. durch Größe und Stärke; auch in Bayern, Württemberg und Baden werden in einigen Gegenden gesuchte Pferde gezogen; die Schweiz, Piemont und Frankreich decken ihren Bedarf besonders an Reitpferden durch Ankauf in D. Das Schaf ist am edelsten in Sachsen, Böhmen, Mähren, Schlesien, Brandenburg, Württemberg; deutsche Wolle wird in die Schweiz, Frankreich, besonders nach England ausgeführt, Schlachtschafe in die Schweiz, Italien und Frankreich. Die Schweinezucht ist überall von Bedeutung, wo Ackerbau und Rindviehzucht blühen; die Ziege gehört den Gebirgsgegenden an und ist die Kuh der armen Leute; Esel und Maulthiere werden nur ausnahmsweise gezogen. Federvieh wird nicht mehr so viel gehalten wie ehedem, in Folge sorgfältigerer Bodennutzung; Norddeutschland, namentlich Pommern, hat eine durch seine vielen Seen und Teiche begünstigte Gänsezucht; die Bienenzucht ist in den Gebirgs- und Haidegegenden am bedeutendsten, die der Seideraupen im südl. Tyrol u. Illyrien; die Fischzucht in Teichen ist nur in Norddeutschland von einiger Wichtigkeit. Von wilden Säugethieren halten sich der Bär, Wolf und Luchs in seltenen Exemplaren im Hochgebirge der Alpen auf, der Wolf kommt aber als ziemlich häufiger Gast aus Frankreich und Polen in die Gränzstriche. Von dem Wilde kommt das Wildschwein wenig anders als in großen Parken vor, Hirsch und Reh nirgends mehr in zu großer Anzahl und ist in einzelnen Gegenden seit 1849 ausgerottet; Steinbock, Gemse u. Murmelthier gehören den Alpen, die kleinen Raubthiere, Füchse, Marder etc. allen Gegenden an. Von Federwild hegt das Gebirge Auer-, Birk- und Haselhühner, die Ebenen Rebhühner, Wachteln, Lerchen; im Osten kommt der Trappe vor, im Norden nistet der Kranich; Adler und Lämmergeier hausen nur in den Alpen, der Fischadler allenthalben; an Schwimmvögeln ist Norddeutschland reich. An Fischen hat D. 110 Arten, welche zum großen Theil den Gattungen Salmen, Karpfen und Hecht angehören; die Amphibien sind an Individuen (Frosch, Molch, Eidechse, Ringelnatter etc.), nicht aber an Gattungen zahlreich vorhanden; von giftigen Schlangen kommt nur die Viper (vipera berus) und Kreuzotter (vipera chersea) vor. Von Weichthieren genießt Süddeutschland die Schnecke (helix pomacea), das Küstenland die Auster. Die hauptsächlichsten Gegenstände der deutschen Ausfuhr sind, wie bereits angedeutet worden, die Erzeugnisse des Ackerbaus, der Viehzucht, der Forstcultur und des Bergbaus, denn die deutsche Industrie hat sich zwar in neuerer Zeit bedeutend gehoben, steht jedoch noch immer hinter der engl., franz., schweizer. und belg. zurück; dies ist theils Nachwehe des 30jähr. Kriegs und der darauf folgenden franz. Verwüstungen, theils Folge der Plackereien und Zollsperren, welche die deutschen Territorialherren wetteifernd verhängten; dadurch wurde der Unternehmungsgeist gelähmt und das Kapital von seiner Richtung auf industrielle Unternehmungen abgelenkt. Die neueste Zeit hat hierin viel gebessert; der Zollverein zwischen Württemberg u. Bayern bahnte den preuß. an, mit dem Beitritte Hannovers rückte dieser bis zur Nordsee vor, und als die große Bedeutung desselben sich vor ganz Europa geltend gemacht hatte, kam nach langem Sträuben 1853 ein Vertrag zwischen dem Zollverein und dem österr. Kaiserstaat zu Stande, was bei einiger Gunst des Schicksals zu einem deutschen Zoll- und Handelsverein führen muß. Einzelne Industriezweige sind in gewissen Gegenden sehr ausgebildet; so liefern z.B. Schlesien, die Oberlausitz, Böhmen und Westfalen Leinenwaaren, die aber in der Levante und in Amerika mit Mühe die engl. und belg. Concurrenz aushalten und kaum eine Spur des ehemaligen deutschen Leinenhandels sind. Die Baumwollenindustrie ist ziemlich allgemein verbreitet, am bedeutendsten in Sachsen, Schlesien, Böhmen, Unterösterreich, dem Wupperthale, deckt aber noch lange an Garnen und Geweben den einheimischen Bedarf nicht. Wollenwaaren liefern besonders Böhmen, Mähren, Sachsen, die preuß. Rheinprovinz, Württemberg; Seide verarbeiten Elberfeld, Krefeld, Wien, doch liefern Frankreich, die Schweiz und Italien jährlich für viele Millionen Seidenwaaren aller Art nach D. Metallwaaren fabriciren die preuß. Rheinprovinz, Westfalen, Schlesien, Steyermark, Tyrol etc.; auch in dieser Beziehung hat sich D. noch lange nicht von der Fremde losgemacht. Musikalische Instrumente liefert das Voigtland, Wien, der Schwarzwald Uhren, Tyrol Schnitzarbeiten, Böhmen berühmtes Glas, Nürnberg Spielwaaren, Wien u. Berlin Tischlerarbeiten, Meißen, Wien, Berlin Porzellan, Wien und München optische Instrumente, Bayern (Passau) und Hessen Schmelztiegel; Böhmen, Preuß. Sachsen, Baden, Württemberg Runkelrübenzucker, das Erzgebirge Strümpfe und gewobene Handschuhe, das tyrolische Zillerthal sogen. gemslederne Handschuhe, Nordhausen Schwefelsäure, Wien Bleistifte etc.; die Tabakfabrikation wird besonders in Hamburg, Bremen und Wien betrieben; Zuckerraffinerien hat namentlich Hamburg. Der deutsche Handel hat dieselben Schläge erfahren, wie die deutsche Industrie und dieselben Fesseln getragen und dennoch ging er nicht vollständig zu Grunde und hat sich in neuerer Zeit sehr gehoben. Den Mangel an Kanälen ersetzen allerdings die Eisenbahnen, mit denen D. bald überspannt sein wird, ferner die guten Landstraßen, aber es ist doch eine mehr als auffallende Thatsache, daß z.B. die Schiffahrt auf der Elbe von Mecklenburg mit ungebührlichen Abgaben belastet ist, daß ein württemb. Schiff auf dem Weg von Rotterdam nach Heilbronn für die Strecke den Neckar aufwärts von Mannheim bis Heilbronn mehr bezahlt als von Rotterdam nach Mannheim, daß überhaupt noch kein deutscher Fluß, wenn er mehrere deutsche Staaten berührt, außer der Donau, ganz frei ist etc. Noch deckt in keinem Gewässer des Erdballs ein Kriegsschiff unter deutscher Flagge Handelsschiffe deutscher Bundesstaaten, nur Oesterreich hatte seit 1815 eine Seemacht im adriat. Meere, u. seit einigen Jahren besitzt auch Preußen einige Kriegsschiffe. Trotzdem besitzt D. über 14450 Handelsfahrzeuge verschiedener Größe und hat nach England u. Nordamerika, allerdings in weitem Abstande folgend, die größte Handelsmarine. Die wichtigsten Plätze für den Seehandel sind: Hamburg, Triest, Bremen; in 2. Linie folgen: Stettin, Stralsund, Rostock, Lübeck, Wismar an der Ostsee; Altona, Brake, Emden für die Nordsee. Die Einwohnerzahl beläuft sich auf beinahe 45 Mill., von denen 36 Mill. Deutsche, 7 Mill. Slaven, 700000 Romanen, 1/2Mill. Juden, der Rest Griechen, Armenier etc. sind; die Katholiken sind gegen 25 Mill. stark, die Protestanten 19 Mill. An geistiger Bildung steht das deutsche Volk allen andern voran, sofern man dieselbe mit Schulbildung gleichbedeutend setzt; D. hat die meisten Schulen, Gelehrte, Lehrer, ferner Maler, Dichter, Tonkünstler etc. Daß der Deutsche ein tüchtiger und beharrlicher Arbeiter ist, bezeugt die ganze Welt, und wenn von den wichtigen neuen Erfindungen nur wenige D. angehören, so beweist dies keine Abnahme der genialen Kraft, sondern vielmehr den Mangel an den nöthigen äußern Mitteln. Eben so wenig fehlt es an kriegerischer Tapferkeit und Entschlossenheit; dagegen hat der sittliche Charakter des Volks offenbar in neuer Zeit Noth gelitten (man vergl. z.B. die Haltung des Volks in dem Hungerjahre 1817 mit der während des theuern Jahres 1847; den Nationalaufschwung von 1813 mit den Aufständen von 1848), sowie Militärconscriptionen die Beweisstücke liefern, daß namentlich in Fabrikbezirken die physische Constitution mehr und mehr entartet. Der deutsche Bund besteht aus folgenden Staaten (der Seelenzahl nach geordnet): 1. Von dem Kaiserthum Oesterreich gehören zu ihm das Erzherzogthum Oesterreich, Böhmen, Mähren, Steyermark, Tyrol, Illyrien. 2. Von dem Königreich Preußen die Provinzen Brandenburg, Pommern, Schlesien, Sachsen, Westfalen, Rheinprovinz, Jülich-Cleve-Berg. 3. Königreich Bayern. 4. Königreich Sachsen. 5. Königreich Württemberg. 6. Königreich Hannover. 7. Großherzogthum Baden. 8. Großherzogthum Hessen. 9. Kurfürstenthum Hessen. 10. Großherzogthum Mecklenburg-Schwerin. 11. Herzogthum Holstein und Lauenburg. 12. Großherzogthum Luxemburg und Herzogthum Limburg. 13. Herzogthum Nassau. 14. Großherzogthum Oldenburg. 15. Herzogthum Braunschweig. 16. Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach. 17. Freie Stadt Hamburg. 18. Herzogthum Sachsen-Meiningen-Hildburghausen. 19. Herzogthum Sachsen-Koburg-Gotha. 20. Herzogthum Sachsen-Altenburg. 21. Herzogthum Anhalt-Dessau-Köthen. 22. Fürstenthum Lippe-Detmold. 23. Großherzogthum Mecklenburg-Strelitz. 24. Fürstenthum Reuß jüngere Linie. 25. Freie Stadt Bremen. 26. Freie Stadt Frankfurt. 27. Fürstenthum Schwarzburg-Rudolstadt. 28. Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen. 29. Fürstenthum Waldeck. 30. Herzogthum Anhalt-Bernburg. 31. Freie Stadt Lübeck. 32. Fürstenthum Reuß ältere Linie. 33. Fürstenthum Schaumburg-Lippe. 34. Landgrafschaft Hessen-Homburg. 35. Fürstenthum Lichtenstein. (Vgl. die Namen der einzelnen Bundesstaaten). Die Verfassung des deutschen Bundes ist durch die Bundesacte von 1815 und die Wiener Schlußacte von 1819 bestimmt, durch spätere Bundesbeschlüsse aber in einzelnen Punkten ergänzt oder interpretirt. Als Zweck desselben ist angegeben: Erhaltung der äußern u. innern Sicherheit, der Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit der einzelnen Staaten D. s. Diese versprechen im Kriegsfall sowohl ganz D., als jeden einzelnen Bundesstaat gegen Angriffe zu schützen, keine separaten FrieFranzosen, densunterhandlungen einzugehen, nicht einseitig Waffenstillstand oder Frieden zu schließen. Die Bundesglieder können Bündnisse aller Art eingehen, doch dürfen dieselben nicht gegen den Bund oder einzelne Bundesglieder gerichtet sein; diese sollen sich auch nicht bekriegen, sondern ihre Streitigkeiten durch ein Austrägalgericht entscheiden lassen. Sie haben gleiche Rechte und werden durch Bundestagsgesandte vertreten, die von ihren Höfen instruirt werden. Die Bundesversammlung wird von Oesterreich präsidirt; als Plenum behandelt sie Angelegenheiten, welche die Bundesverfassung ändern, ergänzen, organische Bundeseinrichtungen od. allgemein geltende Anordnungen betreffen; dann entscheidet die Mehrheit von 2/3. In dem Plenum haben Oesterreich, Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg und Hannover je 4 Stimmen, Baden, Kurhessen, Hessen-Darmstadt, Holstein und Luxemburg je 3, Braunschweig, Mecklenburg-Schwerin und Nassau je 2; von den übrigen Staaten hat jeder einzelne 1 Stimme. In der engern Versammlung, wo der Bundestag als Bundesregierung auftritt, bestehen 17 Stimmen, von denen Oesterreich, Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Hannover, Baden, Kurhessen, Hessen-Darmstadt, Holstein und Luxemburg je 1 Stimme abgeben, die übrigen Stimmen werden von den andern Bundesgliedern curiatweise abgegeben; in dieser engern Versammlung entscheidet die absolute Stimmenmehrheit. Die Bundesversammlung ist permanent, kann sich aber auf 4 Monate vertagen, Bundesstadt ist Frankfurt a. M.; daselbst befindet sich auch die Militärcommission des deutschen Bundes und die Bundeskasse. Das Bundesheer besteht aus 10 Armeecorps, welche von den Bundesstaaten im Verhältnisse von 1/100 der Bevölkerung aufgestellt werden; das Heer soll in 4 Wochen schlagfertig sein können u. beträgt gegen 500000 Mann aller Waffengattungen. Bundesfestungen sind: Mainz, Luxemburg, Landau, Rastatt und Ulm; Bundesflotte gibt es keine. – Geschichte. Vor Karl d. Gr. gab es keine deutsche Nation, sondern verschiedene germanische Völker, die sich zum Theil in tödtlicher Feindschaft bekämpften; er vereinigte sie zu dem großen fränk. Reiche, von dem sich D. 843 durch den Vertrag von Verdun ablöste. Bald ging das Kaiserthum auf die deutschen Könige über und diesen war es möglich die Herrschaft über die eifersüchtigen, stolzen deutschen Stämme zu behaupten, 1. durch die religiöse Weihe, welche die von dem Papste vollzogene Kaiserkrönung verlieh, 2. durch die geistlichen Fürsten und Herren, welche aus kirchlichen und polit. Gründen die Einheit des Reichs vertheidigen mußten. Obwohl es den Kaisern aus dem sächs. (919–1024) und fränk. (1024–56) Hause bis Heinrich IV. gelang, die Empörungen der Stammherzoge niederzuschlagen u. die Kaisermacht ungeschwächt zu erhalten und D. unbestritten zur ersten Macht Europas zu erheben, so hörte doch die alte Heerbannsverfassung auf und schlug in die Lehensverfassung um, die Aemter wurden erblich, dadurch auch die damit verbundenen Güter. Heinrich III. übte die Kaisergewalt im vollen Umfange, und wenn noch einige solche Herrscher gefolgt wären, so wäre D. eine eiserne Militärmonarchie geworden, wie heute jeder Kenner der Geschichte unbedenklich eingesteht. Dieser Gang des Schicksals scheiterte an dem Widerstande des Papstes gegen die kaiserliche Allgewalt, den Heinrich VI. und V. hervorriefen, wobei der Papst durch die Stammfeindschaft der Sachsen gegen Franken u. Schwaben, sowie durch die deutschen Fürsten unterstützt wurde, welche diese Gelegenheit, die Kaisermacht zu schwächen, eifrig benutzten. Das 3. Kaisergeschlecht, die schwäb. Hohenstaufen (1137 bis 1256), gewann unter Friedrich I. und Heinrich VI. abermals das Uebergewicht über die großen Lehenträger; es wollte die Kaisermacht auf die Beherrschung Oberitaliens gründen, denn die Städte desselben waren die erste Handelsmacht Europas und gelang dem Kaiser deren Unterwerfung, so stand ihm eine solche finanzielle Macht zu Gebote, daß er den Lehensadel durch Söldner ersetzen konnte. Die Ausführung dieses Plans hinderte der heldenmüthige Widerstand der lombard. Städte, die Unterstützung derselben durch den Papst, die Betheiligung der Kaiser an den Kreuzzügen. Friedrich I., der den mächtigsten deutschen Herzog, den Welfen Heinrich, absetzte und dessen Geschlecht der herzoglichen Würde beraubte, kam auf seinem Kreuzzuge um, sein Sohn Heinrich VI., der Neapel und Sicilien erworben hatte und mehr als jeder Kaiser das Eisenrecht geltend machte, starb in seinen besten Jahren weg, Heinrichs VI. Bruder, Philipp, wurde ermordet und so die Uebermacht der Hohenstaufen in D. gebrochen. Friedrich II. erneuerte den Kampf in Italien und erlag den vereinigten Anstrengungen der lombard. Städte und des Papstes; das hohenstaufische Geschlecht fand bald nach ihm seinen Untergang in Italien, während die deutschen Fürsten sich die Güter des Reichs schenken oder verpfänden ließen oder geradezu sich eigen machten; ihre Souveränität wurde damals in der That, aber nicht nach dem Namen hergestellt. Rudolf I. von Habsburg (1271–93) erkannte seine Stellung sehr gut; er vermied die Einmischung in ital. Streitigkeiten, verzichtete auf die Eroberung Italiens, stellte in D. selbst den Landfrieden her und gründete durch die Erwerbung von Oesterreich, Steyermark, Kärnthen und Krain die habsburg. Hausmacht; denn ohne Hausmacht war der Kaiser den deutschen Fürsten gegenüber nichts weiter als eine Figur, die sie beliebig viel oder wenig gelten ließen. Die Erfolge Rudolfs bewogen die Fürsten, seinen Sohn Albrecht nicht zu wählen, als aber Adolf von Nassau Rudolfs Beispiel nachahmen wollte, fand er seinen Untergang in der Schlacht gegen Albrecht, dieser durch eine Adelsverschwörung. Mit Heinrich VII., der Böhmen erwarb (1308 bis 1313), trat Haus Luxenburg als Nebenbuhler des Hauses Habsburg auf; Bayern trug unter Ludwig IV. die Krone (1313–47) u. vergrößerte seine Hausmacht; der Luxenburger Karl IV. (1347 bis 1378) beherrschte Böhmen, Mähren, Schlesien, die Lausitzen und die Mark Brandenburg, sein Sohn Wenzel jedoch (1378–1400) behauptete das kaiserl. Ansehen nicht u. Sigmund (1410–37) war ebensowenig im Stande etwas Großes auszurichten; er beendigte die Hussitenkriege nach vielen Niederlagen glücklich durch einen Vertrag und verkaufte Brandenburg an Friedrich von Zollern. Während der luxenburgischen Kaiserzeit wurde Haus Habsburg mehrmals an den Rand des Verderbens gebracht. Die deutschen Städte, damals ebenso reich als wehrhaft, lagen in einem erbitterten Kampfe gegen die Fürsten und mächtigen Adeligen. Diese gewannen die Oberhand, 1. weil der Kaiser gegen die Städte war, während der König von Frankreich dieselben gegen die übermächtigen Vasallen benutzte, daher der umgekehrte Gang der deutschen u. franz. Geschichte; 2. weil der niedere Adel aus beschränktem Bürgerhasse die Fürsten unterstützte; 3. endlich weil die Städte zu ausschließlich dem Erwerbe lebten und keine derselben daran dachte eine größere Herrschaft zu gründen, wozu aber die Beiziehung der Bauern nothwendig gewesen wäre. Nur in den deutschen Oberlanden, in der Schweiz, nahm diese Bewegung einen andern Gang. Zürich, Luzern und Bern stützten sich in ihrem Kampfe gegen den großen Adel und Habsburg auf die Bauern, die sie leicht in Bewegung zu setzen vermochten, und die Politik der Luxenburger wie Ludwig des Bayers begünstigte die Bürger u. Bauern des Oberlands gegen Habsburg, während sie sonst überall die entgegengesetzte Bahn gingen; so verlor Habsburg seine Stammgüter an der Aare, Reuß und Thur. Mit Albrecht II. (1438–40) kamen die Habsburger wieder auf den Thron und behaupteten ihn bis zum Untergange des Reichs. Max I. (1493–1519), der letzte Ritter, bemühte sich vergebens, die Einheit des Reichs wieder herzustellen; er war der erste Kaiser, der es empfinden mußte, daß der König von Frankreich seine besten Alliirten in D. selbst habe. Sein Enkel Karl V. (1519 bis 1556) hatte den Willen das Reich wieder aufzurichten, und unter den gewöhnlichen Verhältnissen hätte er es auch vermocht; aber im Osten drohte die türk. Macht, im Westen lauerten die im Innern spaltete die Reformation das deutsche Volk in 2 Lager und die Fürsten (nur Haus Habsburg und Haus Wittelsbach blieben kathol.) benutzten die Reformation doppelt: durch die Säcularisation vermehrten sie ihre Macht, durch die Stachelung des Glaubenseifers des prot. Volkes gegen den kath. Kaiser ertödteten sie allmälig jenen Instinct des Volkes, der in dem Kaiser den Hort der deutschen Einheit und Wohlfahrt festhalten wollte. Es gelang Karln durch die Schlacht von Mühlberg 1547 den Schmalkaldischen Bund zu zertrümmern und dadurch dem Eroberungsgang der Reformation Einhalt zu thun, mehr aber nicht; denn als ihn Kurfürst Moritz von Sachsen verrätherisch überfiel u. dem Könige von Frankreich Metz, Toul und Verdun überlieferte, erhob sich für den Kaiser auch nicht ein kath. Herr, weil die kath. wie die protest. Fürsten Wiederherstellung der Kaisermacht mehr als alles andere fürchteten. Unter Ferdinand I., Max II., Rudolf II. hielt Habsburg mühsam seinen Länderbesitz aufrecht, welchen nationale Antipathien, durch religiösen Zwiespalt unterstützt, sowie Türken u. Venetianer gefährdeten. Unter Mathias I. (1618) empörten sich die Böhmen (Ausbruch des 30jährigen Kriegs) und der Kurfürst Friedrich von der Pfalz nahm von ihnen die Königskrone an; zum Glück für Habsburg befreundeten sich Böhmen und Sachsen nicht. Die theuer erkaufte Unterstützung Bayerns gewann Ferdinand II. (1619–37) Böhmen wieder, Wallenstein schuf ein kaiserl. Heer, der Kaiser opferte ihn aber dem Andrängen der Fürsten, besonders Maximilians von Bayern. Durch das Restitutionsedict sahen sich die prot. Fürsten in dem Besitze der gegen die Bestimmungen des Passauer und Augsburger Religionsfriedens säcularisirten Kirchengüter schwer bedroht; der prot. Glaube wäre bei dem Volke in Folge des unglücklichen, angeblich für den Glauben geführten Krieges um alles Vertrauen gekommen und hätte menschlicher Berechnung nach dem kath. im Laufe der Zeit unterliegen müssen. Da warf sich Gustav Adolf von Schweden zu seinem Vertheidiger auf, verband sich mit Frankreich und eroberte mit franz. Gelde und deutschen prot. Soldaten den reichsten Theil D.s, fiel aber bei Lützen, ehe er seine fürstlichen Glaubensbrüder ihrer Kur- und Herzogshüte berauben und sich zum deutschen prot. Kaiser machen konnte. Nach seinem Tode spielte Frankreich mit D. wie einst die Römer mit den Gladiatoren; es besoldete die Schweden, kaufte arme deutsche Fürsten, daß sie ihm deutsche Soldaten warben und den Kaiser bekriegten, vereitelte den Prager Frieden, welchen Sachsen in einer ebenso patriotischen als klugen Regung vermittelt hatte, und als D. bis in das Mark hinein abgeschwächt war, gönnte es ihm endlich 1648 den westfälischen Frieden, der D. aus der Reihe der geltenden Nationen strich. Ludwig XIV. mißhandelte es hierauf fast ein halbes Jahrh. lang, und selbst der span. Erbfolgekrieg (1705–11) gab D. die Vogesengränze nicht zurück. Als mit Karl VI. der habsburg. Mannsstamm 1740 erlosch, vereinigten sich Frankreich, Spanien, Savoyen, Preußen, Bayern u. Sachsen zur Zertrümmerung des österr. Staates, aber Maria Theresia behauptete mit Ausnahme Neapels und Schlesiens ihr Erbe und trotz des erfolglosen 7jährigen Kriegs zur Wiedereroberung Schlesiens gewann die österr. Monarchie unter ihr unschätzbar viel durch die Benutzung vieler sonst brach gelegener Hilfsquellen. Joseph II. sah alle seine Plane scheitern, theils durch Preußen, theils durch den Widerstand der unzufriedenen Belgier und Ungarn, und selbst der Türkenkrieg brachte keinen Gewinn. Doch stand Oesterreich, für das Prinz Eugen Ungarn, Belgien und die Lombardei gewonnen hatte, mächtig da, als die franz. Revolution alle europ. Staaten aus den Angeln zu heben drohte. Es führte den Kampf mit Frankreich unermüdet und ehrenhaft, nur Napoleons kriegerisches Genie entriß ihm den schon gewonnenen Sieg, nachdem es 1795 von Preußen im Stiche gelassen war. 1806 gelangten die deutschen Fürsten endlich zu dem lange angestrebten Ziele: sie wurden souverän, säcularisirten die noch übrigen kath. Stifte, unterwarfen die Reichsstädte, sagten sich vom Reiche los u. schlossen den Rheinbund. Der preuß. Stolz wurde von Napoleon 1806 gedemüthigt, 1809 Oesterreich trotz seiner heldenmüthigen Anstrengungen noch einmal niedergeworfen. In dieser Zeit der tiefsten Erniedrigung erwachte der deutsche Nationalgeist wieder, als offenkundig war, daß Napoleon die deutsche Nation dadurch zu vernichten suchte, daß er einzelne Theile des ehemaligen Reichs sich zueignete, andere seinen Verwandten zuschied, den Rest unter Vasallenkönige, Großherzoge, Herzoge etc. vertheilte und nur auf eine Gelegenheit wartete, um Preußen vollends auszustreichen, Oesterreich aber in Trümmer zu schlagen. Von 1813–15 vereinigten sich alle Deutschen zu dem Befreiungskampfe, es war dies seit Jahrhunderten wieder einmal ein nationales Unternehmen, und nur diesem Aufschwunge mußte selbst ein Kriegsmeister wie Napoleon unterliegen. Der Frieden von 1815 gab jedoch D. nicht das Elsaß mit Straßburg zurück, Holland erhielt Luxemburg u. Limburg, Dänemark Holstein u. Lauenburg, einer Menge Zwergstaaten wurde ihr Dasein wieder gefristet, statt einer Reichsverfassung kam die Bundesverfassung zu Stande, die höchstens die Ruhe in D. aufrecht erhalten oder wiederherstellen, bei dem nächsten Kriege aber leicht in Stücke gehen kann. Auf ein allgemeines deutsches Recht, auf gleiches Geld, Maß und Gewicht, auf ein deutsches Zollsystem, auf die freie Schiffahrt auf den Flüssen, auf die freie Durchfahrt durch den Sund, auf den Schutz deutscher Unterthanen im Auslande, auf eine Geltung D.s im Rathe der Nationen etc. wartete man vergebens. Die Verbitterung der nationalen Stimmung, welche im Kriege Wunder gethan hatte, offenbarte sich zuerst in der studierenden Jugend und in der Literatur; der Bundestag schritt ein und dies Wachen und Hüten war seine Hauptthätigkeit, die seit 1830 noch mehr in Anspruch genommen wurde, als bei Gelegenheit der franz., belg. und poln. Revolution sich zeigte, daß der revolutionäre Geist trotz aller angewandten Repressivmittel in D. weit und breit Wurzeln geschlagen hatte. Von 1840 konnte jeder ruhige Beobachter überzeugt sein, daß die Revolution in den Gemüthern arbeite und nur auf die Gelegenheit zu einem allgemeinen Ausbruch warte, und 1846 und 47 konnte man dieses ungescheut auf allen Wegen verkünden hören. Das Jahr 1848 sah die allgemeine deutsche Revolution, das Parlament in Frankfurt, die Tollheiten der Demokratie, das wahnwitzige Treiben der Bevölkerung der ersten Hauptstädte, endlich die Niederlage der Revolution, nachdem sich dieselbe vorher mit Schmach u. Schande bedeckt hatte. Es war ein Glück für D., daß Frankreich vor dem Feuer, welches in seinem Eingeweide als sociale Revolution wühlte, nicht zugreifen konnte, denn die deutsche Demokratie hätte in ihrer niederträchtigen Wuth unbedenklich zur Zerstörung D.s mitgeholfen. Nach der Bezwingung der Revolution wurde wieder beseitigt, was im Sturme aufgebaut war, die meisten deutschen Staaten haben sich reorganisirt, die deutsche Bundesverfassung ist aber dieselbe geblieben. Kein besonnener Mann erwartet wohl je in aller Zukunft einen einheitlichen deutschen Staat, das verbietet die Gegenwirkung des Auslandes, der Gegensatz der Katholiken und Protestanten, die Macht Preußens, die noch vorhandene Eigenthümlichkeit der süddeutschen und norddeutschen Stämme, aber ein stärkerer deutscher Bund ist recht wohl denkbar, ein Bund, der die nationalen Lebensbedürfnisse (nationales Recht, nationale Oekonomie, nationale Politik) befriedigt und dem Spotte der Fremden über D. ein Ende macht.


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