Moral

Moral

Moral, lat.-deutsch, Ethik, griech., das Verhalten des Menschen zur sittlichen Weltordnung, dann das den Anforderungen der Sittlichkeit entsprechende Thun, das sittliche Leben, endlich die Lehre od. Wissenschaft von den Grundsätzen des sittlichen Lebens. Näher unterscheidet man 1) eine natürliche M., die Handlungsweise des Menschen, insofern dieselbe durch ererbte Anlagen, Individualität, Volkscharakter und Lebensverhältnisse bestimmt wird. In diesem weiten Sinne ist M. gleichbedeutend mit Handlungsweise, Sitte, Gewohnheit; 2) philosophische M., der Inbegriff der Anschauungen u. Grundsätze, welche sich aus irgend einem philosophischen System als Folgerungen für das sittliche Leben des Menschen ergeben. In keinem Gebiete der Philosophie sind die Widersprüche, in welche sich die vom religiösen Glauben emancipirte Vernunft verwickelt, greller zu Tage getreten als in dem der M. oder Ethik; kein Gebiet ist ferner armseliger angebaut worden und sicher deßhalb, weil es genügt, um die Unhaltbarkeit oder auch Verwerflichkeit der meisten z.B. pantheistischen Systeme der Philosophie augenfällig nachzuweisen, aus den Theorien einfach die Folgerungen zu ziehen, die sich für das sittliche und praktische Leben überhaupt daraus ergeben. Endlich ist die schöpferische Kraft der menschlichen Vernunft u. Unvernunft im Gebiete der M. bereits mit den griech Philosophen zu Grabe gegangen, so daß der nachchristlichen Philosophie nur noch der Rückfall ins Heidenthum im offenen od. verschwiegenen Gegensatz zum Christenthum oder ein Verschmelzen von Ideen der natürlichen, philosophischen u. christlichen M. übrig bleibt. Hirscher findet als Hauptgebrechen der philosophischen M., daß dieselbe ein positiv gegebenes sittliches Ideal u. die höchste Bestimmung des Menschen nicht kennen, sondern erst suchen will u. aus der Menschennatur entwickelt; ferner daß sie vom Erbverderben in der sittlichen Natur des Menschen nichts wissen mag, folglich auch den rechten Weg zur Vereinigung der Menschenseele mit Gott nicht findet und an der Stelle der Demuth die Selbstvergötterung zum Grundton hat; endlich daß sie ihre Ansprüche auf objective Wahrheit nicht zu begründen vermag und aller Kraft und alles Lebens entbehrt, weil sie nur abstracte Lehren anstatt praktischer Vorbilder hat. 3) Die christliche M. als Wissenschaft nennt Hirscher die wissenschaftliche Erkenntniß von der durch Christus vermittelten wirklichen Wiederkehr des Menschen zur Kindschaft Gottes. Die christliche M. steht im engsten Zusammenhange mit der Dogmatik (s. d.) und unterscheidet sich von dieser zumeist nur dadurch, daß sie nicht die Lehre von Gott sondern die Lehre von der Heiligung u. dem geheiligten Leben des Menschen zur Hauptsache macht. Die Liebe Gottes zu den Menschen ist Grundton der Dogmatik, die Liebe des Menschen zu Gott Grundton der M., das Dogma die Seele des sittlichen Handelns im christlichen Sinne. In der Zeit der Kirchenväter geschah Vieles für die M. als Wissenschaft, namentlich sprach Augustinus die Liebe als das Princip derselben schärfer als einer vor ihm aus. Im Mittelalter trennten Abälard und Thomas von Aquin die M. von der Dogmatik u. bearbeiteten erstere selbständig; als M. isten zeichneten sich besonders aus: der Dominikaner Wilhelm Peraldus und Raymund von Pennaforte, durch die Mystiker aber ward die M. unmittelbar im Leben umgesetzt. Seit der Reformationszeit blieb die M. theilweise mit der Dogmatik auch äußerlich verbunden und wurden kirchenrechtliche Untersuchungen ihr angereiht, meist jedoch behandelte man sie als Casuistik u. nicht selten ward sie durch den Probabilismus (s. d.) entwürdigt. Erst Malebranche, der Jansenist Pierre Nicole u. der Oratorianer Bernh. Lamy strebten nach einer bessern Methode. Im 18. Jahrh. reinigten Jos. Lauber, Augustin Zippe, noch mehr Stattler, Schwarzhueber und Danzer die M. von Casuistik u. brachten eine bessere Methode, dagegen ließen sie den Inhalt der christlichen M. mehr oder minder in der Zeitphilosophie aufgehen. Im gegenwärtigen Jahrh. wirkten Stapf, besonders Sailer mit seiner M. theologie (1817) sehr anregend, der Schöpfer einer neuen M. aber wurde Hirscher, indem er es meisterlich verstand, die praktische Seite der Geheimnisse des Glaubens mit den Fortschritten deutscher Wissenschaft zu vereinbaren. – M., die praktische Lehre od. Lebensregel, welche einem Gleichniß, einer Fabel oder Geschichte zu Grunde liegt. – M. ität, die Uebereinstimmung der Gesinnung mit dem Geiste des Gesetzes zum Unterschied von der Legalität, dem blos äußerlich gesetzmäßigen Verhalten. – M. ische Freiheit, die Macht des Willens, sich im gegebenen Falle für diese oder jene Handlungsweise zu entscheiden. – M. ischer Zwang, die Anwendung von Gewaltsmitteln, um dem Menschen die freie Wahl im Handeln zu nehmen. – M. isches Recht, ein nicht äußerlich erzwingbares formelles Recht, sondern ein materielles, das aus m.ischen Verpflichtungen fließt. z.B. der Anspruch, den Eltern auf Unterstützung von Seite ihrer Kinder haben, wenn auch die Landesgesetzgebung nichts davon wissen will.


http://www.zeno.org/Herder-1854.

См. также в других словарях:

  • Moral — Moral …   Deutsch Wörterbuch

  • moral — moral, ale, aux [ mɔral, o ] adj. et n. m. • 1270; n. m. 1212; lat. moralis, de mores « mœurs » I ♦ Adj. 1 ♦ Qui concerne les mœurs, les habitudes et surtout les règles de conduite admises et pratiquées dans une société. Conscience morale. Sens… …   Encyclopédie Universelle

  • Moral — bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, konventionen, regeln oder prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen. So verstanden, sind die Ausdrücke Moral, Ethos oder Sitte weitgehend gleichbedeutend und werden beschreibend… …   Deutsch Wikipedia

  • Moral — Mor al, a. [F., fr. It. moralis, fr. mos, moris, manner, custom, habit, way of life, conduct.] 1. Relating to duty or obligation; pertaining to those intentions and actions of which right and wrong, virtue and vice, are predicated, or to the… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • moral — moral, ale (mo ral, ra l ) adj. 1°   Qui concerne les moeurs. Préceptes moraux. Réflexions morales. Les oeuvres morales de Plutarque. Sens, instinct moral.    Contes moraux, contes où l auteur a l intention de faire ressortir une leçon de morale …   Dictionnaire de la Langue Française d'Émile Littré

  • moral — adj Moral, ethical, virtuous, righteous, noble are comparable when they mean conforming to a standard of what is right and good. Moral is the most comprehensive term of the group; in all of its pertinent senses it implies a relationship to… …   New Dictionary of Synonyms

  • moral — MORÁL, Ă, morali, e, adj., s.n. I. adj. 1. Care aparţine moralei, conduitei admise şi practicate într o societate, care se referă la morală; etic; care este conform cu morala; cinstit, bun; moralicesc. ♦ Care conţine o învăţătură; moralizator. 2 …   Dicționar Român

  • moral — mòrāl m <G morála> DEFINICIJA 1. shvaćanje odnosa prema dobru i zlu u najširem smislu; ukupnost nepisanih društvenih načela, normi, ideala, običaja o ponašanju i odnosima među ljudima koji se nameću savjesti pojedinca i zajednice, u skladu… …   Hrvatski jezični portal

  • moral — adjetivo 1. De las costumbres o formas de comportamiento humanas: valor moral, reglas morales, superioridad moral. 2. Que no se funda en pruebas objetivas, sino en la conciencia de cada individuo: Tenías la obligación moral de pagar. 3.… …   Diccionario Salamanca de la Lengua Española

  • moral — [môr′əl, mär′əl; ] for n.4 [, mə ral′] adj. [ME < L moralis, of manners or customs < mos (gen. moris), pl. mores, manners, morals (see MOOD1): used by CICERO2 as transl. of Gr ēthikos] 1. relating to, dealing with, or capable of making the… …   English World dictionary

  • moral — I adjective aboveboard, bene moratus, bound by duty, commendable, conscientious, correct, creditable, decent, deserving, duteous, dutiful, estimable, ethical, exemplary, good, high minded, high principled, honest, honestus, honorable, idealistic …   Law dictionary


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